CfP: Leeres Land? Wandel, Sorge und Zukunft in ländlichen Infrastrukturen und Räumen

Kommissionstagung der DGEKW-Kommission „Kulturanalyse des Ländlichen“
Institut für Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie, LMU München
24.-26. Juni 2027


Geschlossene Dorfläden, verwaiste Gaststätten, zurückgebaute Bahnhöfe und schwindende Nahversorgung:
Leerstände in ländlichen Räumen (Spehl 2011) sind längst zu einem zentralen Symbol
für gesellschaftliche Transformationsprozesse geworden. Wo die Sparkassenfiliale schließt und die
Mobilität erlahmt, manifestiert sich das „leere Land“ nicht nur als materielles Defizit, sondern als
tiefgreifende gesellschaftliche und politische Leerstelle.
Gerade mediale Erzählungen neigen in der Betrachtung dieser Räume oft zu einer zweifachen Reduktion:
Einerseits verbleiben sie in einer dominanten Defizitlogik, die das Ländliche als abgehängten
Raum des Verlusts markiert, andererseits verfallen sie einer Idealisierung von Leere als voraussetzungslosem
Möglichkeitsraum für Innovationen, nachhaltige Wirtschaftsformen oder alternative
Lebensentwürfe.
Die Tagung „Leeres Land?“ hinterfragt diese Polarisierungen und öffnet den Blick für differenzierte
Perspektiven auf Leerstellen, Abwesendes und Lücken (Heimerdinger 2023) in ländlichen Räumen.
Neben materiellen Leerstellen wie geschlossenen Gaststätten und Geschäften (Kazig et al. 2023)
oder unfertigen Infrastrukturen (Carse/Kneas 2019) kann der Begriff darüber hinaus auf soziale
oder temporale Leerstellen und Lücken in der Kulturanalyse des Ländlichen oder die Leerstelle als
Metapher verweisen.
Uns interessieren hierbei besonders die zeitlichen Logiken von Materialität, Atmosphären, Werten
und Politiken: Wie verschränken sich die „Geister der Vergangenheit“ mit den Projektionsflächen
ruraler Transformation? Wie wirken (agrar-)industrielle Ruinen (Ojani/Ullberg/Vonderau 2024) in
gegenwärtigen Alltagen? Auf welches tradierte Wissen wird zurückgegriffen, wenn auf Krisen reagiert
und Lösungsansätze zum Beispiel in den Bereichen Energiewende, Food Futures und neuen
Arbeitsformen getestet werden?


Im Rahmen der Tagung interessieren uns vor allem folgende Perspektivierungen:
1. Leerstellen als Narrativ und Imaginationsraum: Kritisch-analytische Perspektiven auf mediale
Narrative dörflich-kleinstädtischen Leerstands, ländlicher „Leere“ und Defiziterzählungen
des Ländlichen.
2. Leerstellen als infrastrukturelle Aufgabe: Infrastrukturierung und Sorgearbeit in und für
ländliche(n) Räume(n), Zusammenbrechen, (Nicht-)Erhaltung und Reparatur von Infrastrukturen.
3. Zukunft als Leerstelle: Ländliche Zukünfte im Krisenmodus (z.B. Schrumpfung, Verfall, Liminalität
und Warten) oder als Projektionsfläche neuer Möglichkeiten (z. B. Energiewende,
Food Futures, neue Arbeitsformen, Erbe und Nachhaltigkeit).
4. Gefühlte Leerstellen: Atmosphären und Affekte der Leere in Bezug auf ländliche Räume,
Orte und Architekturen, leiblich-räumlich erfahrbare Abwesenheit (Soziale Orte, Versorgung,
Treffpunkte).
5. Leerstellen als politische Arena: Machtansprüche an leere Räume; Partizipation und Teilhabe;
Verteilungskämpfe im Kontext von Ressourcen(-knappheit) und ideologischer Instrumentalisierung
des Ländlichen.
6. Soziale und soziokulturelle Leerstellen: fehlende Begegnung(-sräume); Abwesenheit als
Leerstelle (z.B. Frauen, junge Erwachsene, Akademiker*innen).
7. Leerstellen in der Forschung: diskursive blinde Flecken in der Kulturanalyse des Ländlichen
Erbeten werden Beiträge, die sich entweder auf der Basis empirischen Materials aus laufenden
Forschungen/musealer Arbeit oder theoretisch-konzeptuell mit dem Tagungsthema auseinandersetzen.
Der Call richtet sich ausdrücklich auch an die Kolleg*innen aus den (Freilicht-)Museen und
Landesforschungsstellen.


Wir freuen uns über Einreichungen für Vorträge (20 Minuten) oder Panels (90 Minuten) inkl. kurzem
CV, die 6.000 Zeichen (Vorträge) bzw. 15.000 Zeichen (Panels) nicht überschreiten, bis zum
30.09.2026 an i.reimers@lmu.de. Wir begrüßen auch Vorschläge für alternative Beitragsformate
wie Workshops. Eine Publikation der Beiträge ist geplant.

 

Literatur
Carse, Ashley, und David Kneas: „Unbuilt and Unfinished: The Temporalities of Infrastructure“. Environment
and Society: Advances in Research 10 (2019): 9–28. https://
doi:10.3167/ares.2019.100102.
Ehrler, Martin, und Marc Weiland, Hrsg. Topografische Leerstellen: Ästhetisierungen verschwindender
und verschwundener Dörfer und Landschaften. Rurale Topografien 4. transcript,
2018.
Heimerdinger, Timo: „Das Abwesende Erforschen: Versuch über die Lücke und das Verschwinden“.
Zeitschrift für Empirische Kulturwissenschaft 119, Nr. 1 (2023): 5–25. https://
doi.org/10.31244/zekw/2023/01.02.
Kazig, Rainer, Helena Rapp, und Agnes Bartmus: „Leerstand und Stadterleben aus der Perspektive
der Atmosphärenforschung: Das Beispiel der Fußgängerzone von Bad Bergzabern.“
Standort 47 (2023): 229–236. https://doi.org/10.1007/s00548-023-00852-3.
Naumann, Matthias, und Michael Mießner. „Nachhaltiges Wohnen auf dem Dorf? Kommentar zu
Lisa Vollmer und Boris Michel‚Wohnen in der Klimakrise. Die Wohnungsfrage als ökologische
Frage‘“. sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung 8, Nr. 1/2 (2020):
193–98. https://doi.org/10.36900/suburban.v8i1/2.580.
Ojani, Chakad, Susann B. Ullberg, und Asta Vonderau: „Infrastructures and environments in late
industrialism: An introduction“. kritisk etnografi – Swedish Journal of Anthropology 7,
Nr. 1 (2024). https://doi.org/10.33063/DIVA-544568.
Rühmling, Melanie: Bleiben in ländlichen Räumen: Wohnbiographien und Bleibenslebensweisen
von Frauen aus Mecklenburg-Vorpommern. Rurale Topografien18. transcript, 2023.
https://doi.org/10.14361/9783839465356.
Spehl, Harald, Hrsg. Leerstand von Wohngebäuden in ländlichen Räumen: Beispiele ausgewählter
Gemeinden der Länder Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland. E-paper der ARL 12. Akademie
für Raumforschung und Landesplanung, 2011.

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